Diaristik im Ersten Weltkrieg by Marie Czarnikow

Diaristik im Ersten Weltkrieg by Marie Czarnikow

Autor:Marie Czarnikow
Die sprache: deu
Format: epub
Herausgeber: De Gruyter
veröffentlicht: 2021-12-30T12:33:38.440000+00:00


5.2

Das Tagebuch als Medium des Zeitzeugen

Ulrich Raulff bewertete die Zeitzeugenschaft im Ersten Weltkrieg, die sich im Tagebuchschreiben manifestiert, als eine „Bewusstseinstatsache[ ], die für das 20. Jahrhundert gültig sein [wird].“43 Wie bereits erwähnt, fand der Begriff des Zeitzeugen erstmals in den 1970er Jahren Verwendung. Seine Entwicklung ist in der zeitgeschichtlichen Forschung eng mit der Erinnerungskultur und Geschichtsschreibung des Zweiten Weltkriegs verbunden. Flankiert von den Medien- und Kulturwissenschaften konstatiert die Zeitgeschichte daher eine „Zeitzeugenepoche“, deren Beginn kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zu situieren ist, als eine systematische Befragung von Menschen jüdischer Herkunft einsetzte, die Konzentrations- und Vernichtungslager überlebt hatten. Diese hatte etwa die Gründung des Zeitzeugenarchivs in Yad Vashem zur Folge.44

Die starke Zäsur, welche die von ihnen gesetzten Begriffe der „Geburt des Zeitzeugen“ und „Zeitzeugenepoche“ suggerieren, relativieren Martin Sabrow und Norbert Frei etwas: Auch vor 1945 habe es Zeitzeugen und Formen der Zeitgeschichte als wissenschaftlicher Disziplin gegeben. Gleichwohl sei der Zweite Weltkrieg die „entscheidende Zäsur“, die den „Zeitzeuge[n] und das Prinzip der Zeugenschaft gleichsam neu begründet[e]“.45 Dieses neue Prinzip der Zeugenschaft wird wesentlich dadurch charakterisiert, dass der Zeitzeuge weniger ein von ihm beobachtetes Geschehnis beglaubigt wie es der Tat- oder Augenzeuge vornimmt, sondern er vielmehr über seine Erzählung des Vergangenen eine eigene Geschehenswelt schafft.46 Als grundlegende Station auf dem Weg zur Figurierung des Zeitzeugen gilt der Eichmann-Prozess im Jahr 1961, bei dem die Szenographie des Prozesses in großen Teilen auf Zeugenbefragungen beruhte. Aufgabe der Zeugen war es, ihre Geschichte der Verfolgung in der Shoah zu erzählen, ohne dass dabei ein direkter Bezug zu den Taten Adolf Eichmanns hergestellt wurde. Im Verlauf des Prozesses, der ins Fernsehen übertragen wurde, verlagerte sich das Interesse zunehmend auf die Zeugenaussagen.47 Die Zeugen des Eichmann-Prozesses waren nicht mehr nur als wahrnehmende Beobachter:innen, sondern in erster Linie als Träger:innen von Erfahrung gefragt. Damit war ein entscheidender Schritt der Entwicklung hin zum Zeitzeugen vollzogen.48

Raulffs Aussage legt es nahe, die Zäsur 1945 infrage zu stellen und über eine frühe Form der Zeitzeugenschaft im Ersten Weltkrieg nachzudenken, ohne dabei gleich eine neue Zäsur zu setzen, denn Krieg und Zeitzeugenschaft waren bereits im 19. Jahrhundert intrinsisch miteinander verbunden. Dass Kriege eine Zäsur setzen, ihre Gegenwart als erinnerungswürdige Zeit bewertet wird, das gilt zweifellos für den Ersten Weltkrieg und kristallisiert sich wohl nirgendwo so stark wie in der Metaphorik des ‚Großen‘ und dem Verweis auf die ‚Weltgeschichte‘, die dieser Krieg schreibe. Gleichwohl nutzten Beschreibungen von Kriegen im 19. Jahrhundert ähnliche Metaphern – bereits damals eröffnete ein Krieg ein neues Kapitel im Buch der Weltgeschichte.49 Auch die Charakterisierung eines Kriegs mit dem Attribut ‚groß‘ kann mindestens bis in die Napoleonischen Kriege zurückverfolgt werden; sie wurde später als geläufige Titelformel von Tagebuchmemoiren der Reichseinigungskriege verwendet.50



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